Archiv für Oktober 2009

Kritik am „Islamophobie“-Begriff

Am 3. Oktober versammelten sich in Berlin Skylla und Charybdis. Auf der einen Seite, die rechtskonservative Vereinigung Pax Europa, welche sich der Rettung des christlichen Abendlandes verschrieben sieht. Auf der anderen Seite ein islamophiles Bündnis aus gutmeinenden ChristInnen, anti-imperialistischen Linken und sozialdemokratischen Umfeldorganisationen.
Letztere haben die Chance verspielt, den rassistischen Charakter der Vereinigung Pax Europa adäquat zu entlarven. Vielmehr haben sie den rechtskonservativen „Islamkritikern“ durch ihre Anbiederung an islamistische Vereinigungen in die Hände gespielt.
Im Folgenden soll daher ein Beitrag zur theoretischen Beschreibung der Islamfeindlichkeit geleistet werden, indem die Kritik am Begriff der „Islamophobie“ und des „antimuslimischen Rassismus“ zusammengetragen wird:

Die rassistische Differenzierung von „Fremden“ in die Gruppe der ökonomisch-nutzbaren und der Norm angepassten auf der einen Seite und „dem fremden Fremden“ auf der anderen Seite, stellt das wesentliche Merkmal eines sich verändernden Rassismus dar. Wie die Entwicklung von rechtsextremen Einstellungen zeigt, wird der Islam dabei immer stärker zur Projektionsfläche und Aufhänger dieser neuen rassistischen Artikulation genutzt. Doch wie ist dieser neue „Rassismus ohne Rassen“ zu beurteilen? Handelt es sich beim Islam um ein neues Feindbild mit gesonderten Merkmalen, ein quasi Rassismus mit besonderen Merkmalen? Suggeriert wird dies in den Bezeichnungen „Islamophobie“ oder „antimuslimischer Rassismus“, welcher am deutlichsten eine Verbindung von Islamfeindlichkeit und Rassismus herzustellen versucht. Die sich an den Begriffen der Xenophobie und Homophobie anlehnende Bezeichnung Islamphobie erweist sich mittlerweile einer starken internationalen Verbreitung und soll die „generelle ablehnende Einstellung gegenüber muslimischen Personen und allen Glaubensrichtungen, Symbolen und religiösen Praktiken des Islam“ umfassen (vgl. Königsreder 2008: 18). In der Öffentlichkeit bekannt wurde der Begriff durch den 1997 erschienenen Bericht über „Islamophobie“ des britischen Runnymede Trusts. In Großbritannien wird der Begriff beispielsweise genauso von Regierungsbehörden, wie von antirassistischen und/oder jüdischen Organisationen verwandt (vgl. Malik 2008: 12). Aber auch auf gesamteuropäischer Ebene findet dieser Begriff Verwendung. So hat sich das European Monitoring Centre in Racism und Xenophobia (EUMC) dieses Konzept zueigen gemacht und veröffentlicht mittlerweile regelmäßig Berichte zur „Islamophobie“ in Europa. Auch die im Rahmen des europäischen Rates agierende European Commission against Racism and Intolerance hat diesen Begriff auch in ihrem letzten Deutschlandbericht verwendet. In Deutschland ist die Bezeichnung „Islamophobie“ durch das Forschungsprojekt zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit des Bielefelder Forschungsteams um den Soziologen Wilhelm Heitmeyer eingeführt wurden. Prominente Unterstützung findet der Begriff aber auch beim Berliner Zentrum für Antisemitismus-Forschung um den Historiker Wolfgang Benz. Letzteres sorgte im Dezember 2008 deutschlandweit für Furore, als eine Tagung unter dem Titel „Feindbild Muslim –Feindbild Jude“ organisiert wurde, welche versucht hat Analogien zwischen „Islamophobie“ und Antisemitismus herzustellen. Warum dieser Begriff nicht unproblematisch ist und eher zur Verschleierung dient, soll im Folgenden ausgeführt werden:

1) Es gibt keine anerkannte Definition des Begriffs „Islamophobie“:

Die gängige Auffassung, wonach sich die „Islamophobie“ gegen den Islam als solches und seinen gesellschaftlichen Abbildungen richtet, erweist sich als zu allgemein und wenig stichhaltig. So macht Angelika Königsreder vom Berliner Zentrum für Antisemtismus-Forschung das „Feindbild Islam“ an der Diskussion an allgemeinen Überfremdungsdebatten, der Diskussion um das Kopftuch und dem Reizthema Moscheebau, der Debatte um „Parallelgesellschaften“ und dem Karikaturenstreit fest. (vgl. Königsreder 2008). Diese Vermischung von rassistischer Stereotypisierung, Religionsauseinandersetzungen und politischer Kritik erweist sich als wenig hilfreich für eine adäquate Problembeschreibung. In der wissenschaftlichen Diskussion existieren darüberhinaus verschiedene Begriffe nebeneinander: „Islamophobie“, antiislamischer bzw. antimuslimischer Rassismus oder einfach nur Rassismus. Bisher konnte jedoch nicht hinreichend herausgearbeitet werden in welchem Verhältnis die Phänomene „Islamophobie“ und Rassismus stehen.

2) „Islamophobie“ als islamistischer Kampfbegriff:

Es ist offensichtlich, dass Vertreter einer konservativen Auslegung des Islams und Islamisten den Begriff der „Islamophobie“ verwenden, um jegliche Kritik an religiös-begründeten Praktiken zu verbieten. Auf internationaler Ebene versuchen deshalb Staaten wie Saudi-Arabien oder der Iran den Antirassismus dahingehend zu instrumentalisieren, jegliche Religionskritik als rassistisch zu brandmarken und dadurch zu kriminalisieren. So wurde nicht zuletzt die Durban-Konferenz, sowie der Durban-Nachfolgekonferenz am 20.-24. April dazu von nicht wenigen Staaten dazu genutzt, den Nahostkonflikt als rassistisch zu brandmarken und den eigenen Rassismus zu leugnen. Doch auch in Europa popularisiert sich die politische Instrumentalisierung des Islamophobie-Vorwurfs. So bezeichnete der Muslim Council of Britain gar Aussagen wie „Salman Rushdie hatte recht“, „Lang lebe Israel“ und „Der muslimische Fundamentalismus ist gefährlich“ als „islamophob“ (vgl. Küntzel 2008). Beispielhaft für solche Versuche sind auch das im Januar 2005 gegründete Projekt „Islamophobia Watch“ oder die „Islamic Human Rights Commission“ (vgl. Bielefeldt 2007: 22). Das Projekt „Islamophobia Watch“ definiert den Begriff der „Islamophobie“ ideologisch aufgeladen als „racist tool of western imperialism“ (vgl. Islamophobia Watch 2009) und reproduziert somit die Mär vom „Kulturkampf“ zwischen „dem Westen“ und „dem Islam“.

3) „Islamophobie“ als Begriff zur Relativierung des Antisemitismus:

An die Instrumentalisierung durch den politischen Islam anschließend, kann der Begriff der „Islamophobie“ eine eindeutige antisemitische Schlagseite erlangen (vgl. Bielefeldt 2007: 23). Dies ist offensichtlich der Fall, wenn etwa der britische Publizist Ziauddin Sardae einen neuen Holcoaust an den Muslimen prognostiziert (vgl. ebd.). Der britische Muslim Council erklärte gar, dass es Tatsache sei, dass die „Islamophobie“ den Antisemitismus ersetzt habe (vgl. Küntzel 2009). Der ehemalige Staatssekretär Klaus Faber verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass der Begriff der „Islamophobie“ versucht, einen wissenschaftlich-neutralen Terminus darzustellen, der einen eindeutig negativen Sachverhalt durch eine abwertende Wortbildung mit einem Pathologiebeiklang erfasst und dadurch tendenziell ähnliche Bewertungs- und Zuordnungsautorität beansprucht wie der Begriff des Antisemitismus (vgl. Faber 2008: 15). Trotzt einer gewissen Parallelisierung, die im Folgenden noch angeschnitten wird, unterscheidet sich die „Islamophobie“ grundlegend vom Antisemitismus. Während die Muslime als „Türken“ oder „Araber“ die für den Rassismus klassische Form des Fremden oder des „äußeren Feindes“ darstellen, waren insbesondere die Juden (Westeuropas) vor allem als Feinde des Innern begriffen (Schweiger 2009: 51). Hinzu kommt, dass der Antisemitismus immer eine Bewegung der Antimoderne war, während die „Islamophobie“ das genaue Gegenteil darstellt, tritt sie nämlich vor allem selbst als Verteidigung von Aufklärung und Moderne gegen die Regression des Islam bzw. Islamismus auf (vgl. ebd.). Auf internationaler Ebene ist vor allem die Durban-Konferenz (und seine Nachfolgekonferenz) zum erschreckenden Beispiel dafür geworden, wie unter dem Deckmantel des Kampfes gegen „Islamophobie“ versucht wurde, das Treffen als Tribunal gegen Israel zu stilisieren und damit die realen Probleme der Diskriminierung und Unterdrückung ad absurdum zu führen.

4) Der „Islamophobie“-Begriff reproduziert die Konstruktion „des Islams“

Eberhard Seidel weist in seinen Ausführungen zum medialen Diskurs zum Islam darauf hin, dass in den achtziger und neunziger Jahren sich die migrationspolitischen Debatten nicht um religiöse Aspekte drehten, sondern vielmehr die „klassischen“ Ressentiments der „Ausländerkriminalität“ oder des „Sozialmissbrauchs“ bedienten (vgl. Seidel 2008: 25). Es ist davon auszugehen, dass bestimmte Momente zu einer „Religionisierung der Integrationsdebatte“ (Seidel) geführt haben. Hierbei zu nennen ist sicherlich der Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh im November 2004 durch einen Islamisten und die erhöhte Wahrnehmung islamistischer Terroranschläge seit dem 11. September 2001. Die bundesdeutsche Einwanderungspolitik ist seitdem maßgeblich mit der Frage beschäftigt, ob der Islam als solcher vereinbar mit der westlichen Wertegemeinschaft sei.
Nicht nur die Politik greift diese Fragestellung auf, indem zum Beispiel im Januar 2006 ein Einwanderungstest in Baden-Württemberg entworfen wurde, der speziell auf muslimische Einwanderer zugeschnitten ist, sondern auch andere gesellschaftliche Bereiche wie die Kultur haben eine auf diffusen Ängsten und Mutmaßungen aufbauende Diskussion um den Islam forciert.
Als Beispiel ist hier der Streit um die Oper Idomeneo zu nennen, die aus Angst vor einer angeblichen islamistischen Gewalt hin abgesagt wurde. Dass weder Störungen oder gar terroristische Anschläge zu befürchten waren, trat der allgemeinen Aufregung keinen Abbruch. Kein Wunder, dass sich rechtspopulistische Kulturalisten in diesem „voreilenden Gehorsam“ ihrerseits in der voranschreitenden Islamisierung Deutschland und Europas bestätigt sahen (vgl. hierzu Udo Ulfkotte 2007). Gerade vor diesem Hintergrund ist der Begriff der „Islamophobie“ gefährlich, weil er doch die zugeschriebene Identität als „muslimisch“ reproduziert. Die in den letzten Jahren festgestellte zunehmende Islamisierung von zum Beispiel in Deutschland lebenden Menschen aus der Türkei kann somit möglicherweise selbst als ein Produkt der „Islamophobie“ in Deutschland gesehen werden. Denn wenn die herrschende Meinung in der Öffentlichkeit zum Beispiel türkische Migranten gleich mit dem Islam und islamische Gemeinden gleich mit dem politischen Fundamentalismus setzt, dann werden die Betroffenen abermals ausgegrenzt und in ihrem Selbstwertgefühl verletzt (vgl. Baran 1997). Als Folge dessen beziehen sich immer mehr „muslimische Migranten“ auf das Feindbild und begreifen sich selbst „als Moslems“. Weil sie wissen, dass die Deutschen den Islam als bedrohlich ansehen, bietet das Feindbild als Identitätsskript gerade einen positiven Bezugspunkt für junge Menschen „mit Migrationshintergrund“ (vgl. ebd.).

5) Fazit:

Diese vier Kritikebenen zeigen auf, warum die Verwendung des Begriffs „Islamophobie“ vermieden werden sollte. Dennoch erweist es sich als wenig zielführend, die Islamfeindlichkeit fast ausschließlich ex negativo im Verhältnis zum Antisemitismus zu betrachten (vgl. Sommer 2009). Der Streit um die Tagung des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) hat leider nicht dazu geführt, Einigkeit im Kampf gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zu schaffen, sondern neue Gräben aufgemacht. Die Diskussion über Analogien bzw. auch über die falsche Gleichsetzung von Islamfeindlichkeit mit Antisemitismus mag zwar in dem Kontext einer genauen Begriffsbestimmung sinnvoll sein, doch darf dabei, unabhängig von etwaigen Zusammenhängen zum Antisemitismus, das Problem der Dämonisierung von Muslimen und ihrer oftmals rassistischen Diskriminierung nicht vernachlässigt werden. Andererseits hat uns die Auseinandersetzung um den Begriff der „Islamophobie“ aufgezeigt, dass ein wesentliche Problem darin besteht, dass der Hass auf sowie die Diskriminierung von Muslimen mit der Kritik am Islam vermischt wird (Malik 2008: 12). Wer sich ernsthaft mit dem Problem der Islamfeindlichkeit auseinandersetzen will, muss daher das Spannungsfeld zwischen allgemeiner Ablehnung bzw. Hass auf den Islam, sowie einer (legitimen) Kritik am Islam ausmachen. Diese Einteilung erweist sich dahingehend als schwierig, als dass sowohl der Begriff der „Islamophobie“, als auch der Begriff „Islamkritik“ Kampfbegriffe in der politischen Auseinandersetzung darstellen und deshalb immer einen politischen Zweck verfolgen.

Nachweise:

Baran, R (1997). Feindbild Islam – Wie Medien und Politik am selben Bild stricken. Abgerufen von: http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/38/06a.htm.

Bielefeldt, H (2007). Das Islambild in Deutschland – Zum öffentlichen Umgang mit der Angst vor dem Islam. Berlin: Deutsches Institut für Menschenrechte.

Faber, K (2008), „Islamophobie“ und Antisemitismus – zwei unterschiedliche Begriffe und Problembeschreibungen. In Friedrich-Ebert-Stiftung Policy Nr. 27 „Islamischer Antisemitismus und Islamophobie“.

Königsreder, A. (2008). Feindbild Islam. In W. Benz, Jahrbuch für Antisemitismusforschung 17 (S. 17-44), Berlin: Metropol-Verlag.

Küntzel, M (2008). Das Zentrum für Antisemitismusforschung im Kampf gegen „Islamophobie“, Veröffentlicht am 08.12.2008 im Wall Street Journal.

Malik, K. (2008). „Islamophobie“ – Erfahrungen aus England. In Friedrich-Ebert-Stiftung Policy Nr. 27 „Islamischer Antisemitismus und Islamophobie“.

Schweiger, D. (Juni 2009). „Islamophobie“ und Antisemitismus – Neue Fragen im Immigrationsland Deutschland. Phase 2 (32).

Sommer, B. (2009). Ressentiments im Wandel. Veröffentlicht auf Blick nach Rechts am 23.04.2009.

Ulfkotte, U. (2007). Heiliger Krieg in Europa – Wie die radikale Muslimbruderschaft unsere Gesellschaft bedroht. Frankfurt am Main: Eichborn-Verlag.